Stuttgarter Zeitung – Nord: Poetry Slam

Artikel in der Stuttgarter Zeitung

Heike Armbruster, 15.04.2013

Die Ratschläge, die Paul Gilius seinen Zuhörern gibt, mögen für den einen oder anderen Pädagogen gewöhnungsbedürftig sein. „Warum nicht einfach mal draufhauen?“, fragt der Student, bevor er erläutert, warum Goethes Faust eigentlich ein Manifest der Feigheit ist. Der erste Poetry Slam in Eliszis Theaterzelt im Höhenpark ist nichts für schwache Nerven oder sanfte Gemüter. Das Publikum ist dennoch oder vielmehr genau deshalb begeistert. Bei der Premiere am Freitagabend ist das Zelt voll besetzt.

Sieben Kontrahenten liefern sich eine Schlacht der Worte. Unter den Slampoeten sind Bühnenerprobte wie Paul Gilius und Danny Koch, aber auch solche wie Tobias Kirn, denen die Nervosität deutlich anzumerken ist. Kirn fehlt zwar die Routine beim Auftritt vor Publikum, seine Texte aber zeugen von großem Talent. Das honoriert das Publikum in der ersten Runde. Nach der Geschichte vom irren kleinen Dichter in seinem Kopf („Er untergräbt mich, wo er kann. Der fiese, kleine Mann“), schafft es Kirn ebenso ins Finale wie Danny Koch, Ramon Schmid und Paul Gilius.

Nur selbst geschriebene Texte sind erlaubt

Nur selbst geschriebene Texte sind beim Poetry Slam im Theater zugelassen. Diese Regel hat sich auch an der neuen Location auf dem Killesberg nicht geändert. „Angefangen haben wir im Dreigroschentheater“, sagt Organisator Cédric Perkuhn. Die Miniaturbühne im Süden hat allerdings nur 50 Sitzplätze, so dass Perkuhn nach einer neuen Location suchen musste. Über einen Freund ergab sich der Kontakt zu den Verantwortlichen für Eliszis Theaterzelt im Höhenpark Killesberg. Das Theater ist auf bis zu 150 Gäste ausgelegt. Bei der Premiere soll es nicht bleiben. Weitere Termine im Zirkuszelt sind bereits geplant.

Schlechte Witze über S 21 kommen beim Publikum nicht an

Dann werden andere Slampoeten die Gelegenheit erhalten, von sich zu überzeugen. Dass sie mit schlechten Witzen über Stuttgart 21 vorsichtig sein sollten, das zumindest können sie aus der Vorstellung vom Freitagabend lernen. In der ersten Runde nämlich verspielt sich so der Badener mit dem Künstlernamen Lürenbold die Sympathien des Publikums.

Danny Koch dagegen überzeugt mit einem ernsten Monolog über die Suche nach dem echten Glück („Du räumst das ganze Warenhaus aus, kommst aber nicht auf die Idee, die Welt zu erkunden.“). Ramon Schmid, der vor Beginn der

Dichterschlacht noch laut überlegt hatte, ob es eine gute Strategie sein könnte, das Publikum zu beleidigen, entscheidet sich doch dagegen und kommentiert lieber den Einfluss von Hollywood („Das Leben ist kein Filmskript“).

Mit ernsten Texten ins Finale

In der zweiten Runde bleibt es für einen Poetry Slam ungewöhnlich ernst. Mit „Fragmenten des Lebens“ überzeugt Paul Gilius schließlich die Mehrheit des Publikums. Es ist die Geschichte einer Liebe, die eigentlich nicht schöner sein könnte – bis zu dem Moment, als die Frau bei einem Unfall stirbt und der Mann alleine und verzweifelt zurückbleibt. Dem Gewinner, der einen improvisierten Gutschein für den eigentlichen Gewinn, einen 150-Euro-Bücher-Gutschein bekommt, bleibt am Ende nur noch eine Aufgabe: sich beim Publikum zu bedanken. „Das waren sehr ernste Texte im Finale, wie ich finde. Und Ihr habt auch nach mehr als zwei Stunden noch aufmerksam zugehört. Dafür danke.“ Den Vorschlag „Besucht mich bei meiner Show. Bucht mich, dann habe ich eine“ hatte er sicherheitshalber schon zuvor angebracht.

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