Winnender Zeitung: Poesie und Lampenfieber

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14.09.2015, von Heidrun Gehrke
Zeitungsverlag Waiblingen, Winnender Zeitung

 Zwei junge Frauen tragen ihre eigenen Texte beim Poetry-Slam beim Kunsttreff am Marktbrunnen vor

Ein milder Spätsommerabend, viele Menschen beim Kunsttreff auf dem Marktplatz. Ihre Aufmerksamkeit gilt zwei jungen Frauen, die leger in Jeans und Shirts vor dem Publikum stehen und selbst geschriebene Texte vortragen. Dafür haben sie jeweils sieben Minuten Zeit. Keine Requisiten, kein Kostüm, nur das gesprochene Wort zählt beim Poetry-Slam.
Lampenfieber hat man – oder man erzählt und spielt, dass man es hat. Das Herz rutscht in die Hose, das Pulsrasen vertreibt die Konzentration, man wünscht sich nur eins: das dunkle Loch, in dem man versinken darf. Davon erzählt die erst 17-jährige Sandra auswendig und mit einer Stimme, bei der nicht auf Anhieb durchschaubar ist, ob das leicht angedeutete Zittern echt ist oder verdammt gut einstudiert. Die Aussprache färbt sie variabel, mal kräftig, mal zerbrechlich, einzelne Silben gehen in der Gesprächskulisse unter – so wie es auch in einer lampenfiebrigen Situation geschehen könnte. In einer Zeile beschreibt sie mit Empathie, wie die Hände nass werden vor Angst, dann unterbricht sie. Ein Blackout. Ihr scheint der Atem zu stocken, wortlos senkt sie den Blick, sie flüstert „Entschuldigung“ ins Mikrofon. Sie sammelt sich, tritt aufrecht vor das Mikrofon und steigt wieder ein in den Text mit einem entschlossenen „Weitermachen“. Das passt so gut, dass man staunt, als sie später auf Nachfrage erklärt: „Der Blackout war echt, mir ist der Text wirklich entfallen.“ Der unfreiwillige Aussetzer stellt hervorragend die Angstzustände dar, mit denen sie knappe sieben Minuten ihre Zuhörer beschäftigt. Mit dem gesprochenen Wort, ihrer eindringlichen Aussprache liefert sie reinsten Poetry-Slam: eine Melange aus Dichtung, Aufführungskunst und Ausdruck.

Witzig und ernst, Dichtkunst und Theater

Das Publikum erlebt beim vorletzten Kunsttreffabend der Saison einen WorteSchlagabtausch mit Witz und allen Widrigkeiten der freien Rede und darf mit Applaus abstimmen, welcher Vortrag besser gefällt. Anders als bei einer traditionellen Lesung ist Poetry-Slam ein Wettbewerb. Wie die spätere Siegerin Sandra muss sich auch die Kontrahentin Kakisha publikumswirksam inszenieren. Sie geht einen anderen Weg, liest vom Blatt ab und trägt Texte vor, die in größere Zusammenhänge hineinreichen, darum eine konzentriertere Stimmung erzeugen als das lockere, gewitzte Mundwerk von Sandra. Kakishas Ideen sind köstlich, ihre Bearbeitung ernst. Mit bebender Stimme lässt sie sich auf die Gefühle ein, die in den Sätzen über das Rauchen zum Ausdruck kommen. Auf die Diskrepanz zwischen poetischen Slogans auf Zigaretten- werbeplakaten und dem Rauchertod weist sie mit krassen Versen hin: „Warum müssen sie alle Ecken mit dir plakatieren? Während andere an dir verrecken und krepieren?“ Rhythmisch harmonische Reime umtänzeln ihre tiefgründigen Worte: „Plakate in krassen Massen, die mich schassen“, „Rauchen ist Genuss, was für ein Stuss“. Im Schwung ihres jugendlichen Charmes bauen beide Frauen mimisch und gestisch Bezüge zu ihrem Text auf, den sie im Workshop bei Cedric Perkuhn bearbeitet haben. Poetry- Slam sei „ähnlich wie Theater“, erklärt er. Der Fokus liege darauf, die Figur herauszuarbeiten, die zum Text passt. „Meistens spielt man sich selbst“, sagt er. Sehr patent stehen die Verbalkontrahentinnen vor die Menschenmenge. Dafür haben sie einen Monat Atemtechnik, Performancekniffe, Mimik, den richtigen Stand und saubere Aussprache geübt. Den Kunsttreff finden sie eine geeignete und „coole Location“ für die Kombination aus Musik und Wortkunst. „Es als eine Art Streetslam zu inszenieren, passt sehr gut, denn es braucht eine schöne Atmosphäre, um wirken zu können“, so Cedric Perkuhn.

Zwei Dichterinnen und zwei Bands

  • Beim Poetry-Slam gilt: Jeder trägt einen oder mehrere selbst geschriebene Texte vor. Der Stil ist offen: Manche rappen, andere beatboxen, singen oder illustrieren das Gesagte mit Comedy. Jeder Vortrag ist zeitlich begrenzt und es dürfen keine Requisiten oder Kostüme eingesetzt werden.
  • Kakisha heißt Kerstin Schulz, ist 35, arbeitet als Programmiererin und kam über eine verlorene Wette zum Poetry-Slam. Sandra Weber ist 17, Schülerin in Schmiden und fing bei einem Workshop mit Cedric Perkuhn Feuer für das Dichter- Wettstreiten. Perkuhn hat in der Winnender VHS einen Workshop angeboten, der aber bis jetzt nicht zustande kam.
  • „Gute Vorbereitung muss sein“, sagt Kerstin alias Kakisha. Lampenfieber sei kein Feind, sondern fördere die Konzentration und Anstrengung, das Adrenalin hole alles aus einem heraus. „Du präsentierst einen eigenen Text genau so, wie du ihn meinst. Du kannst mehr reinlegen über den Klang und mit der Stimme mehr transportieren.“
  • Zwei Bands spielten beim 116. Kunsttreff auf dem Marktplatz: Die Schulamtsband SABB aus Backnang interpretierten Klassiker von Blood, Sweat & Tears, Nat King Cole, James Brown bis Willy de Ville. Die zehn Herren in Anzügen, Hüten, Krawatten und Fliegen mit schmissigem Big- Band-Sound rissen das Publikum mit. Als Opening Act spielte die Winnender Gruppe „Finders Keepers“ mit ihrer charismatischen Sängerin und Bassistin Jana Binder. Ihr grungiger, liebevoll melancholischer Pop-Rock geht ins Ohr: Sie spielen selbst komponierte Songs mit cremig- weichen Keyboardsounds, der smoothen, festen Stimme von Jana, melodischer Gitarre und treibendem Schlagzeug.

 

 

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